Abschnitt 1
Fünf Monate Hauptstadt der Schweiz
Der beste Aarau-Fakt überhaupt, und fast niemand kennt ihn.
Peter Ochs ruft die Helvetische Republik aus
Mitte März 1798 besetzten französische Truppen unter General Guillaume Brune die Stadt. Am 12. April rief Peter Ochs, der eben gewählte Senatspräsident, aus einem Fenster des Aarauer Rathauses die Helvetische Republik aus. Aarau war damit die erste Hauptstadt der modernen Schweiz.
Den Zuschlag bekam die Stadt nicht wegen ihrer Lage, sondern wegen der Stimmung: In Aarau hatte das revolutionäre Gedankengut besonders viele Anhänger, und die Bevölkerung wollte die bernische Herrschaft loswerden. Die Ernennung war eine Belohnung dafür.
Eine Hauptstadt mit 2500 Einwohnern und ohne Sitzungszimmer
Aarau hatte damals rund 2500 Einwohner und nichts von dem, was ein Staat braucht: keine Räume für Parlament und Verwaltung, keine Wohnungen für die Funktionäre. Bürger nahmen Regierungsleute privat bei sich auf. Der Architekt Johann Daniel Osterrieth entwarf in Eile ein neues Quartier, und die Aushubarbeiten begannen innerhalb von vier Wochen, noch bevor die Baupläne fertig waren.
Im August 1798 verlangten Parlamentarier die Verlegung nach Luzern, im September zog die Regierung weiter. Danach war Luzern Hauptstadt, ab Mai 1799 Bern. Geblieben sind die «Neuen Häuser» an der Laurenzenvorstadt, gebaut für Gäste, die nie richtig einzogen.
Die erste Hauptstadt der Schweiz war nicht Bern, sondern Aarau. Sie hat den Titel nach fünf Monaten wieder verloren, weil das Städtchen zu klein war: Die Regierung musste bei Privatleuten wohnen.
Abschnitt 2
Die Basler Verbindung
Der Mann am Aarauer Rathausfenster war Stadtschreiber von Basel.
Peter Ochs, 1752–1821
Peter Ochs kam 1752 in Nantes zur Welt, in einer Basler Kaufmannsfamilie. Sein Vater Albrecht handelte in Hamburg und sass im Basler Rat, seine Mutter hiess Louise-Madeleine His. 1769 zog Ochs nach Basel, studierte dort und in Leiden Recht und wurde 1776 Doktor.
In Basel machte er Karriere: 1782 Ratsschreiber, 1790 Stadtschreiber, 1796 Oberstzunftmeister. 1787 wurde er erster Direktor der neu gegründeten Lesegesellschaft, als Nachfolger des Aufklärers Isaak Iselin.
Das «Ochsenbüchlein»
Im Dezember 1797 beauftragte das französische Direktorium Ochs, eine neue Verfassung für die Schweiz zu entwerfen. Aus der lockeren Eidgenossenschaft sollte ein Zentralstaat nach französischem Muster werden. Politische Gegner verspotteten den Entwurf als «Ochsenbüchlein».
Am 12. April 1798 rief er das Ergebnis in Aarau aus. Von den Wahlen war er zunächst ausgeschlossen, auf französischen Druck kam er im Sommer 1798 doch ins helvetische Direktorium. 1799 wurde er wieder daraus entfernt.
Die Söhne legten den Namen ab
Der Ruf war ruiniert. Ochs' Söhne Eduard (1792–1871) und Friedrich trugen ab 1818 den Namen His, den Mädchennamen ihrer Grossmutter, weil der Name Ochs beschädigt war. Eduard wurde Seidenbandfabrikant in Basel.
Ochs selbst kehrte nach 1803 in die Basler Politik zurück und setzte sich für das Schulwesen ein. Er schrieb eine achtbändige Geschichte der Stadt Basel und starb 1821 in Basel, wo sein Grab bei der Predigerkirche liegt.
Die Schweiz als Zentralstaat wurde von einem Basler entworfen und in Aarau ausgerufen. Es hat ihn den guten Namen gekostet: Seine Söhne nannten sich fortan His statt Ochs.
Und dieselbe Branche in beiden Städten
Seit dem 16. Jahrhundert liessen sich Glaubensflüchtlinge aus Oberitalien und Frankreich in Basel nieder, darunter Vertreter des Seidengewerbes. Sie spannen, färbten und liessen im Umland weben. Basel wurde damit zum internationalen Zentrum der Seidenbandindustrie, und im Baselbiet arbeiteten über Generationen die Posamenter.
In Aarau war die Seidenbandfabrikation der wichtigste Industriezweig um 1800: Johann Rudolf Meyer kaufte 1783 das ehemalige Kloster der Stadt und richtete darin einen Betrieb mit Hunderten Beschäftigten ein — spinnen, färben, weben, appretieren. Ochs' Sohn Eduard His stand später in Basel in derselben Branche.
Abschnitt 3
Einstein machte hier die Matura
Und zwar als Klassenbester. Der Mythos vom schlechten Schüler scheitert an Aarau.
Ein Jahr in der Laurenzenvorstadt
Albert Einstein kam im Oktober 1895 mit 16 Jahren nach Aarau, um die Matura nachzuholen: Die Aufnahmeprüfung am Polytechnikum Zürich hatte er nicht bestanden. Von Ende Oktober 1895 bis in den Frühherbst 1896 besuchte er die dritte und vierte Klasse der technischen Abteilung der Aargauischen Kantonsschule.
Er wohnte bei seinem Lehrer Jost Winteler. Bei «Mama» und «Papa» Winteler und deren sieben Kindern fand er ein Zuhause und in der Tochter Marie seine erste Liebe.
Der Gedanke, aus dem später die Relativitätstheorie wurde
In Aarau stellte sich Einstein zum ersten Mal die Frage, die ihn danach zehn Jahre beschäftigte: Was sähe man, wenn man einer Lichtwelle mit Lichtgeschwindigkeit nachrennt? Er notierte, man hätte dann ein zeitunabhängiges Wellenfeld vor sich. Aus diesem Gedankenexperiment entstand 1905 die spezielle Relativitätstheorie.
Die Maturitätsprüfung fand am 19. September 1896 von 7 bis 11 Uhr statt. Einstein bestand als Bester seiner Klasse und schrieb sich mit siebzehneinhalb Jahren am Polytechnikum in Zürich ein.
Einstein ist in Zürich durch die Aufnahmeprüfung gefallen und musste nach Aarau in die Schule. Dort war er dann Klassenbester — und dort kam ihm die Frage, aus der die Relativitätstheorie wurde.
Abschnitt 4
Die älteste nichtkirchliche Mittelschule der Schweiz
Von 114 Bürgern aus eigener Tasche gegründet.
Eine Schule ohne Geistliche
114 Aarauer Bürger aus allen Schichten eröffneten 1802 aus privater Initiative eine Schule. Es war das erste Gymnasium der Schweiz, dessen Lehrer nicht mehr dem Klerus angehörten und dessen Lehrplan die damals neuen Naturwissenschaften enthielt. Die Alte Kantonsschule Aarau ist damit die älteste Kantonsschule und das älteste nichtkirchliche Gymnasium des Landes.
Der Seidenbandfabrikant Johann Rudolf Meyer (1739–1813) leistete den höchsten Beitrag an die Betriebskosten und hielt die Eröffnungsrede. Als Gründer wird er oft genannt, war es aber nicht. Sein Sohn kommt weiter unten noch vor, im Untergrund der Stadt.
Die erste Frau mit Matura
Marie Heim-Vögtlin wurde 1869 in Aarau als erste Frau zur Maturitätsprüfung zugelassen. Sie wurde danach die erste Schweizer Ärztin. Neben ihr und Einstein besuchten drei Nobelpreisträger und vier Bundesräte die Schule.
Die Kanti Aarau hat zwei Premieren auf dem Konto: das erste Gymnasium der Schweiz ohne Pfarrer im Lehrerzimmer, und die erste Frau, die in der Schweiz zur Matura zugelassen wurde.
Abschnitt 5
1712: In Aarau endet eine Vormacht von 181 Jahren
Der Religionsfrieden der alten Eidgenossenschaft wurde hier geschlossen — und zwar zweimal.
Ein Frieden, den die Innerschweizer erst ablehnten
Der Toggenburgerkrieg, auch Zweiter Villmergerkrieg oder Zwölferkrieg genannt, dauerte vom 12. April bis 11. August 1712. Am 18. Juli unterzeichneten Zürich, Bern, Luzern und Uri in Aarau einen ersten Frieden. Schwyz, Zug und Unterwalden lehnten ihn ab, und der Krieg ging weiter.
Am 25. Juli fiel die Entscheidung in der zweiten Schlacht bei Villmergen, im heutigen Aargau. Danach nahmen die katholischen Orte die Bedingungen an. Am 11. August 1712 wurde in Aarau der vierte Landfriede geschlossen.
Was in Aarau beschlossen wurde
Zürich und Bern erhielten die Vorherrschaft in den gemeinen Herrschaften. In diesen Gebieten und im Toggenburg durften die Untertanen künftig katholisch oder reformiert leben. Die reformierte Kirche wurde in der Tagsatzung und in der Verwaltung formell gleichgestellt.
Damit endete die politische Vormacht der katholischen Orte, die seit 1531 gegolten hatte — seit dem Zweiten Kappelerkrieg, in dem Zwingli gefallen war.
Der Religionsfrieden der alten Schweiz wurde 1712 in Aarau geschlossen. Er beendete eine katholische Vormacht, die 181 Jahre gehalten hatte. Und weil die Innerschweizer den ersten Vertrag ablehnten, musste er zweimal unterzeichnet werden.
Abschnitt 6
Aarauer Optik auf dem Mond
Die Bilder von Apollo 11 entstanden unter anderem durch Linsen aus Aarau.
Kern & Co. AG
Kern & Co. baute in Aarau gut 160 Jahre lang Vermessungsinstrumente: Theodoliten, Nivelliergeräte, Optik. Ab 1937 arbeitete die Firma mit Heinrich Wild zusammen, dessen DK- und DKM-Theodoliten die Grundlage für alle weiteren Entwicklungen bis in die 1980er-Jahre bildeten. 1991 war Schluss.
Objektive für Apollo
Die NASA bestellte bei Kern Objektive mit 10, 18 und 75 Millimetern Brennweite. Sie steckten in den Kameras, die auf mehreren Apollo-Missionen zum Mond flogen, darunter Apollo 10, 11 und 12. Kern-Theodoliten wurden beim Zusammenbau der Saturn-V-Raketen eingesetzt. Walter Zürcher erhielt für die Arbeit an den Mondobjektiven den Apollo Achievement Award der NASA.
Als Armstrong auf dem Mond stand, filmte ihn eine Kamera mit Linsen aus Aarau. Die NASA hat die Objektive für Apollo bei Kern & Co. an der Aare bestellt.
Abschnitt 7
Die Altstadt ist am Reissbrett entstanden
Kein gewachsenes Gassengewirr, sondern eine Planung aus dem 13. Jahrhundert.
Zwei Kreuzgassen, vier Stöcke
Die Altstadt geht auf eine einheitliche Planung der Kyburger zurück. Um die zwei sich kreuzenden Hauptgassen — Rathausgasse und Kirchgasse/Kronengasse — liegen vier Häuserblöcke. In Aarau heissen sie «Stöcke». Wer die Stadt von oben sieht, erkennt das Schema sofort.
Die erste Stadtmauer steht noch — in den Häusern
Im 14. Jahrhundert wuchs die Stadt in zwei Etappen konzentrisch nach aussen. Dabei riss man die alte Stadtmauer nicht ab, sondern bezog sie in die neu errichteten Häuser ein. An ihrer Stelle entstand ein zweiter, äusserer Mauerring mit Türmen und Doppeltoren, verstärkt durch eine Bastion neben der Brücke.
Im Süden und Osten, wo der Felskopf in die Hochterrasse übergeht, lag ein breiter Graben. Er trennte die Stadt von der unbefestigten Vorstadt.
Aaraus erste Stadtmauer ist nie abgebrochen worden. Sie steckt in den Wänden der Altstadthäuser — man wohnt hier in der Befestigung.
Was heute steht, ist die zweite Garnitur
Ein Grossteil der Bausubstanz stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Damals wurden fast alle Gebäude aus dem Mittelalter ersetzt oder aufgestockt. Die Häuser sind überwiegend spätgotisch, und aus dieser Bauwelle stammen auch die vorstehenden Giebel, die Aarau berühmt gemacht haben.
Abschnitt 8
Dächer, Türme und ein Bach
Aarau nennt sich Stadt der schönen Giebel, und das hat einen konkreten Grund.
Rund 70 bemalte Dachuntersichten
An den Altstadthäusern sind etwa 70 teils reich bemalte Dachuntersichten erhalten, im Volksmund «Dachhimmel». Die meisten Häuser stammen im Kern aus dem 16. Jahrhundert; die vorstehenden Giebel wurden in den Jahrhunderten danach bemalt. Es ist die grösste erhaltene Sammlung dieser Art in der Schweiz. 2014 erhielt Aarau den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes, unter anderem für die Verdichtung mit Rücksicht auf das historische Stadtbild.
Oberer Turm, Turm Rore und Schlössli
Der Obere Turm aus dem 13. Jahrhundert ist 62 Meter hoch und war Teil der Stadtbefestigung. Das älteste erhaltene Gebäude der Stadt ist das Schlössli am Rand der Altstadt: ein gut erhaltener, 25 Meter hoher mittelalterlicher Wohnturm aus Kalkstein und grob behauenen Findlingen, sogenanntem Megalithmauerwerk. Heute ist das Stadtmuseum darin. Die Stadtkirche wurde 1471–1478 als spätgotische Basilika gebaut, und das Rathaus umschliesst den Turm Rore von 1517–1520.
Der Stadtbach war die Lebensader der Stadt
Vom 13. bis Ende des 19. Jahrhunderts lieferte der Stadtbach Trinkwasser, Brauchwasser, Löschwasser und Wasserkraft für das Gewerbe. Er läuft heute offen durch die verkehrsberuhigte Altstadt und ist der Grund für das älteste Fest der Stadt.
Aarau heisst Stadt der schönen Giebel, weil an rund 70 Altstadthäusern die Unterseiten der vorstehenden Dächer bemalt sind. Man muss beim Bummeln nach oben schauen, sonst sieht man die Hauptsehenswürdigkeit nicht.
Abschnitt 9
Unter der Stadt: die Meyerschen Stollen
1,7 Kilometer Gänge, gegraben von einem Fabrikanten mit einem bemerkenswerten Lebenslauf.
Drei Bauetappen, drei Zwecke
Johann Rudolf Meyer Sohn (1768–1825), Sohn des Kanti-Geldgebers, liess unter Aarau ein Stollensystem anlegen. Die bekannten Teile sind 1,7 Kilometer lang. Gegraben haben Bergleute aus dem bernischen Eisenbergwerk im benachbarten Küttigen.
Ab 1791 ging es darum, versumpftes Gelände zu entwässern. Von 1794 bis 1797 kam die Wasserversorgung für die Seidenfärberei dazu, die Meyer in den beiden Kellergeschossen seiner Villa einrichtete, dem Meyerhaus. Um 1810 baute er ein Wasserrad von 9,5 Metern Durchmesser ein, das Appreturmaschinen und einen Blasebalg antrieb. Es war das grösste unterirdische Wasserrad seiner Zeit in Europa.
Der Erbauer: Alpinist und Falschmünzer
Meyer war Seidenbandfabrikant, Naturforscher, Revolutionär und Alpinist. 1811 bestieg er mit seinem Bruder Hieronymus und den Gämsjägern Joseph Bortis und Alois Volken aus dem Fieschertal die Jungfrau. Es war die erste Besteigung eines Viertausenders in der Schweiz.
Neun Jahre später wurde er in Karlsruhe verhaftet, weil er falsche badische Münzen in Umlauf gebracht hatte. In seiner Wohnung fanden sich Prägevorrichtungen und Stempel für die Münzen mehrerer deutscher Staaten. 1822 verurteilte ihn das Hofgericht Rastatt zu drei Jahren Zuchthaus, die er in Mannheim verbüsste. Dort starb er vermutlich auch.
Unter Aarau liegen 1,7 Kilometer Stollen. Gegraben hat sie ein Seidenfabrikant, der als Erster die Jungfrau bestieg und später wegen Falschmünzerei im Zuchthaus sass.
Wo man hineinkommt
Die 1999 gegründete IG Meyersche Stollen betreut die Anlage und führt hinein. Ohne Anmeldung geht es seit 2010 im dritten Untergeschoss des Bahnhofs: Der «Aufschluss Meyerstollen» zeigt ein kurzes, begehbares Stück mit Ausstellungstafeln.
Abschnitt 10
Die Kettenbrücke ohne Kette
Der Name hat drei Brücken überlebt.
Eine Hängebrücke mit Triumphbögen
Am 29. Dezember 1850 wurde die Kettenbrücke über die Aare eröffnet, entworfen vom elsässischen Ingenieur Jean Gaspard Dollfuss. Die handgeschmiedeten Ketten liefen über monumentale Tortürme an beiden Ufern, die als Pylonen dienten. Die Türme waren römischen Triumphbögen nachempfunden und prägten die Nordseite der Stadt.
Für Autos war sie nicht gebaut
Die Brücke hielt fast hundert Jahre, doch dem Motorfahrzeugverkehr war sie nicht gewachsen und wurde zunehmend zum Hindernis. Am 8. Dezember 1947 beschloss die Gemeindeversammlung den Abbruch und bewilligte 2,3 Millionen Franken für einen Neubau aus Beton an derselben Stelle. Von 1948 bis 1951 wurde ersetzt, am 6. November 1949 die neue Aarebrücke eröffnet.
An der Aarauer Kettenbrücke hängt seit 1949 keine Kette mehr. Der Name ist einfach geblieben — auch für die nächste Brücke, die 2022 eröffnet wurde.
Abschnitt 11
Drei Feste, drei gute Geschichten
Maienzug, Bachfischet, Rüeblimärt — jedes mit einem Ursprung, der überrascht.
Maienzug: begann mit dem Schneiden von Prügelruten
1587 erscheint in den Aarauer Ratsprotokollen erstmals ein «Kinderen Umbzug», entstanden ist er wohl einige Jahrzehnte früher. Beim verwandten Brauch «Rueten gan» zogen die Schüler mit Musikanten in den Wald, um Ruten zu schneiden. Ruten waren das Züchtigungsmittel für ungehorsame Schüler. In den 1660er-Jahren wurde das «Meyen hauen» verboten, danach ging der Bezug verloren, und die kirchliche Feier rückte in den Vordergrund.
Woher der Name «Maien» kommt, ist nicht restlos geklärt: Er kann sich auf den Monat Mai und den Bürgereid beziehen oder auf Maien im Sinn von Frühlingszweig. Heute ist der Maienzug ein Volksfest, das schon am Donnerstagabend beginnt; über 3000 Personen nehmen am Festmahl teil.
Das grösste Kinderfest von Aarau ist über 400 Jahre alt und begann damit, dass die Schüler mit Musik in den Wald zogen — um dort die Ruten zu schneiden, mit denen sie später verprügelt wurden.
Bachfischet: der Bach wurde vorher leergefischt
Jedes Jahr im September wurde der Stadtbach «gerumt», also von Sand und Ablagerungen gereinigt. Im Aarauer Ratsprotokoll vom 3. September 1526 ist die Bachreinigung erstmals schriftlich erwähnt. Vor dem Reinigen durfte der Bach ausgefischt werden, und daher stammt der Name Bachfischet. Die Jugend machte sich einen Spass daraus, das frische Wasser zu begleiten, wenn es wieder in den leeren Bach floss.
Belege für ein Fest nach der Bachrumete gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Seit 1923 hat die Heinerich-Wirri-Zunft die Schirmherrschaft. Heute ziehen Kinder mit Räbenlichtern dem Wasser entlang und rufen «Füürio, de Bach brönnt». Die Zunft bezeichnet den Bachfischet als den ältesten durchgehend gelebten Brauch der Schweiz.
Der Bachfischet ist eine Putzaktion, aus der ein Fest wurde: Bevor der Stadtbach gereinigt wurde, durfte man ihn leerfischen. Heute laufen die Kinder mit Lichtern neben dem frischen Wasser her und rufen, der Bach brenne.
Rüeblimärt: eine Kopie aus Bern, die eingeschlagen hat
Die Idee stammt von 1981 aus dem Kreis «ZentrumAarau» und war beim Berner Zibelemärit abgeschaut. Der erste Rüeblimärt fand am 4. November 1982 statt und läuft seither jeden ersten Mittwoch im November in der Altstadt. Rund 30 000 Besucher kommen. Der Aargau ist Rüebliland, und das Küttiger Rüebli, eine weisse Karotte, gehört zum kulinarischen Erbe der Schweiz.
Der Rüeblimärt sieht nach alter Tradition aus, ist aber von 1982 und beim Berner Zwiebelmarkt abgeschaut. Und das berühmteste Aargauer Rüebli, das Küttiger, ist nicht orange, sondern weiss.
Abschnitt 12
Zeitleiste
Zehn Daten, mit denen man die Stadtgeschichte in zwei Minuten erzählt.
- 1240–1250Die Kyburger Grafen Hartmann IV. und Hartmann V. gründen die Stadt auf einem Felskopf am Südufer der Aare.
- 4. März 1283Rudolf I. von Habsburg verleiht Aarau das Stadtrecht.
- 1415Bern erobert mit Hilfe Solothurns den unteren Aargau. Aarau kapituliert nach kurzem Widerstand und bleibt bis 1798 bernische Untertanenstadt.
- 1528Einführung der Reformation. Aarau wird einer der Tagsatzungsorte der Eidgenossenschaft.
- 11. August 1712In Aarau wird der vierte Landfriede geschlossen. Er beendet die Vormacht der katholischen Orte und bringt die Religionsparität.
- 1798Erste Hauptstadt der Helvetischen Republik, für fünf Monate.
- ab 1791Johann Rudolf Meyer Sohn lässt die Stollen unter der Stadt graben.
- 1802Gründung der Kantonsschule, des ersten nichtkirchlichen Gymnasiums der Schweiz.
- 1803Aarau wird Hauptstadt des neu gebildeten Kantons Aargau und ist es bis heute.
- 1850Die Kettenbrücke über die Aare wird eröffnet. 1949 ersetzt ein Betonbau die Hängebrücke, der Name bleibt.
- 1. Januar 2010Die Nachbargemeinde Rohr fusioniert mit Aarau.
Abschnitt 13
Kurz notiert
Kleinere Fakten, die sich gut einstreuen lassen.
- Der Name setzt sich zusammen aus dem Flussnamen Aare und «Au», einem alten Wort für Land am Wasser.
- Das Wappen zeigt unter rotem Schildhaupt in Weiss einen schwarzen Adler mit roten Waffen und roter Zunge.
- In der Grosssiedlung Telli, gebaut 1971–1991, wohnt rund ein Achtel der Stadtbevölkerung.
- Der Planetenweg von Aarau nach Kölliken ist sechs Kilometer lang und stellt das Sonnensystem im Massstab 1:1 Milliarde dar. Ein Meter entspricht einer Million Kilometer.
- Der FC Aarau wurde am 26. Mai 1902 in der Brauerei Ryniker gegründet und ist dreimal Schweizer Meister geworden: 1912, 1914 und 1993.
- Der Wildpark Roggenhausen liegt drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.
- Aarau war lange die bevölkerungsreichste Gemeinde des Kantons. Seit 2024 liegt Baden vorn, Aarau ist die zweitgrösste.
- Der Ausländeranteil lag Ende 2025 bei 23,5 Prozent.