Kantonshauptstadt Aargau

Aarau in Fakten

Eine Stadt, die fünf Monate lang Hauptstadt der Schweiz war, in der Einstein die Matura machte und deren Objektive auf dem Mond lagen. Gesammelt, geprüft und zum Weitererzählen sortiert.

22 932Einwohner am 31. Dezember 2025
12,34 km²Fläche des Stadtgebiets
384 müber Meer, an der Aare
1240–1250gegründet von den Grafen von Kyburg
1803Hauptstadt des Kantons Aargau
5 MonateHauptstadt der Schweiz, 1798

Abschnitt 1

Fünf Monate Hauptstadt der Schweiz

Der beste Aarau-Fakt überhaupt, und fast niemand kennt ihn.

1798

Peter Ochs ruft die Helvetische Republik aus

Mitte März 1798 besetzten französische Truppen unter General Guillaume Brune die Stadt. Am 12. April rief Peter Ochs, der eben gewählte Senatspräsident, aus einem Fenster des Aarauer Rathauses die Helvetische Republik aus. Aarau war damit die erste Hauptstadt der modernen Schweiz.

Den Zuschlag bekam die Stadt nicht wegen ihrer Lage, sondern wegen der Stimmung: In Aarau hatte das revolutionäre Gedankengut besonders viele Anhänger, und die Bevölkerung wollte die bernische Herrschaft loswerden. Die Ernennung war eine Belohnung dafür.

Eine Hauptstadt mit 2500 Einwohnern und ohne Sitzungszimmer

Aarau hatte damals rund 2500 Einwohner und nichts von dem, was ein Staat braucht: keine Räume für Parlament und Verwaltung, keine Wohnungen für die Funktionäre. Bürger nahmen Regierungsleute privat bei sich auf. Der Architekt Johann Daniel Osterrieth entwarf in Eile ein neues Quartier, und die Aushubarbeiten begannen innerhalb von vier Wochen, noch bevor die Baupläne fertig waren.

Im August 1798 verlangten Parlamentarier die Verlegung nach Luzern, im September zog die Regierung weiter. Danach war Luzern Hauptstadt, ab Mai 1799 Bern. Geblieben sind die «Neuen Häuser» an der Laurenzenvorstadt, gebaut für Gäste, die nie richtig einzogen.

So erzählt man das

Die erste Hauptstadt der Schweiz war nicht Bern, sondern Aarau. Sie hat den Titel nach fünf Monaten wieder verloren, weil das Städtchen zu klein war: Die Regierung musste bei Privatleuten wohnen.

Abschnitt 2

Die Basler Verbindung

Der Mann am Aarauer Rathausfenster war Stadtschreiber von Basel.

Peter Ochs, 1752–1821

Peter Ochs kam 1752 in Nantes zur Welt, in einer Basler Kaufmannsfamilie. Sein Vater Albrecht handelte in Hamburg und sass im Basler Rat, seine Mutter hiess Louise-Madeleine His. 1769 zog Ochs nach Basel, studierte dort und in Leiden Recht und wurde 1776 Doktor.

In Basel machte er Karriere: 1782 Ratsschreiber, 1790 Stadtschreiber, 1796 Oberstzunftmeister. 1787 wurde er erster Direktor der neu gegründeten Lesegesellschaft, als Nachfolger des Aufklärers Isaak Iselin.

Ovales Porträt von Peter Ochs: ein Mann mit lockigem Haar, hohem weissem Halstuch mit Spitzenjabot und dunklem Mantel mit hell gestreifter Schärpe
Peter Ochs, nach einem Gemälde von Felix Maria Diogg. Felix M. Diogg, gemeinfrei, Universitätsbibliothek Basel
1797–1799

Das «Ochsenbüchlein»

Im Dezember 1797 beauftragte das französische Direktorium Ochs, eine neue Verfassung für die Schweiz zu entwerfen. Aus der lockeren Eidgenossenschaft sollte ein Zentralstaat nach französischem Muster werden. Politische Gegner verspotteten den Entwurf als «Ochsenbüchlein».

Am 12. April 1798 rief er das Ergebnis in Aarau aus. Von den Wahlen war er zunächst ausgeschlossen, auf französischen Druck kam er im Sommer 1798 doch ins helvetische Direktorium. 1799 wurde er wieder daraus entfernt.

1818

Die Söhne legten den Namen ab

Der Ruf war ruiniert. Ochs' Söhne Eduard (1792–1871) und Friedrich trugen ab 1818 den Namen His, den Mädchennamen ihrer Grossmutter, weil der Name Ochs beschädigt war. Eduard wurde Seidenbandfabrikant in Basel.

Ochs selbst kehrte nach 1803 in die Basler Politik zurück und setzte sich für das Schulwesen ein. Er schrieb eine achtbändige Geschichte der Stadt Basel und starb 1821 in Basel, wo sein Grab bei der Predigerkirche liegt.

So erzählt man das

Die Schweiz als Zentralstaat wurde von einem Basler entworfen und in Aarau ausgerufen. Es hat ihn den guten Namen gekostet: Seine Söhne nannten sich fortan His statt Ochs.

Und dieselbe Branche in beiden Städten

Seit dem 16. Jahrhundert liessen sich Glaubensflüchtlinge aus Oberitalien und Frankreich in Basel nieder, darunter Vertreter des Seidengewerbes. Sie spannen, färbten und liessen im Umland weben. Basel wurde damit zum internationalen Zentrum der Seidenbandindustrie, und im Baselbiet arbeiteten über Generationen die Posamenter.

In Aarau war die Seidenbandfabrikation der wichtigste Industriezweig um 1800: Johann Rudolf Meyer kaufte 1783 das ehemalige Kloster der Stadt und richtete darin einen Betrieb mit Hunderten Beschäftigten ein — spinnen, färben, weben, appretieren. Ochs' Sohn Eduard His stand später in Basel in derselben Branche.

Abschnitt 3

Einstein machte hier die Matura

Und zwar als Klassenbester. Der Mythos vom schlechten Schüler scheitert an Aarau.

1895–1896

Ein Jahr in der Laurenzenvorstadt

Albert Einstein kam im Oktober 1895 mit 16 Jahren nach Aarau, um die Matura nachzuholen: Die Aufnahmeprüfung am Polytechnikum Zürich hatte er nicht bestanden. Von Ende Oktober 1895 bis in den Frühherbst 1896 besuchte er die dritte und vierte Klasse der technischen Abteilung der Aargauischen Kantonsschule.

Er wohnte bei seinem Lehrer Jost Winteler. Bei «Mama» und «Papa» Winteler und deren sieben Kindern fand er ein Zuhause und in der Tochter Marie seine erste Liebe.

Der Gedanke, aus dem später die Relativitätstheorie wurde

In Aarau stellte sich Einstein zum ersten Mal die Frage, die ihn danach zehn Jahre beschäftigte: Was sähe man, wenn man einer Lichtwelle mit Lichtgeschwindigkeit nachrennt? Er notierte, man hätte dann ein zeitunabhängiges Wellenfeld vor sich. Aus diesem Gedankenexperiment entstand 1905 die spezielle Relativitätstheorie.

Die Maturitätsprüfung fand am 19. September 1896 von 7 bis 11 Uhr statt. Einstein bestand als Bester seiner Klasse und schrieb sich mit siebzehneinhalb Jahren am Polytechnikum in Zürich ein.

So erzählt man das

Einstein ist in Zürich durch die Aufnahmeprüfung gefallen und musste nach Aarau in die Schule. Dort war er dann Klassenbester — und dort kam ihm die Frage, aus der die Relativitätstheorie wurde.

Abschnitt 4

Die älteste nichtkirchliche Mittelschule der Schweiz

Von 114 Bürgern aus eigener Tasche gegründet.

1802

Eine Schule ohne Geistliche

114 Aarauer Bürger aus allen Schichten eröffneten 1802 aus privater Initiative eine Schule. Es war das erste Gymnasium der Schweiz, dessen Lehrer nicht mehr dem Klerus angehörten und dessen Lehrplan die damals neuen Naturwissenschaften enthielt. Die Alte Kantonsschule Aarau ist damit die älteste Kantonsschule und das älteste nichtkirchliche Gymnasium des Landes.

Der Seidenbandfabrikant Johann Rudolf Meyer (1739–1813) leistete den höchsten Beitrag an die Betriebskosten und hielt die Eröffnungsrede. Als Gründer wird er oft genannt, war es aber nicht. Sein Sohn kommt weiter unten noch vor, im Untergrund der Stadt.

Das Hauptgebäude der Aargauischen Kantonsschule in Aarau, ein dreigeschossiger Bau mit gelb gefassten Fenstern und der Inschrift Aargauische Kantonsschule über dem Portal
Die Aargauische Kantonsschule in Aarau. Einstein besuchte hier die technische Abteilung. Alexander Umbricht, gemeinfrei, Wikimedia Commons
1869

Die erste Frau mit Matura

Marie Heim-Vögtlin wurde 1869 in Aarau als erste Frau zur Maturitätsprüfung zugelassen. Sie wurde danach die erste Schweizer Ärztin. Neben ihr und Einstein besuchten drei Nobelpreisträger und vier Bundesräte die Schule.

So erzählt man das

Die Kanti Aarau hat zwei Premieren auf dem Konto: das erste Gymnasium der Schweiz ohne Pfarrer im Lehrerzimmer, und die erste Frau, die in der Schweiz zur Matura zugelassen wurde.

Abschnitt 5

1712: In Aarau endet eine Vormacht von 181 Jahren

Der Religionsfrieden der alten Eidgenossenschaft wurde hier geschlossen — und zwar zweimal.

1712

Ein Frieden, den die Innerschweizer erst ablehnten

Der Toggenburgerkrieg, auch Zweiter Villmergerkrieg oder Zwölferkrieg genannt, dauerte vom 12. April bis 11. August 1712. Am 18. Juli unterzeichneten Zürich, Bern, Luzern und Uri in Aarau einen ersten Frieden. Schwyz, Zug und Unterwalden lehnten ihn ab, und der Krieg ging weiter.

Am 25. Juli fiel die Entscheidung in der zweiten Schlacht bei Villmergen, im heutigen Aargau. Danach nahmen die katholischen Orte die Bedingungen an. Am 11. August 1712 wurde in Aarau der vierte Landfriede geschlossen.

Kolorierter Kupferstich der zweiten Schlacht bei Villmergen 1712: eine weite Hügellandschaft mit aufmarschierten Truppenreihen, Zeltlagern und Dörfern, im Vordergrund Reiter und Offiziere, oben und unten handschriftliche Erläuterungen
Die zweite Schlacht bei Villmergen am 25. Juli 1712, dargestellt von Johann Heinrich Meyer. Sie entschied den Krieg, der drei Wochen später in Aarau beendet wurde. Johann Heinrich Meyer, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Was in Aarau beschlossen wurde

Zürich und Bern erhielten die Vorherrschaft in den gemeinen Herrschaften. In diesen Gebieten und im Toggenburg durften die Untertanen künftig katholisch oder reformiert leben. Die reformierte Kirche wurde in der Tagsatzung und in der Verwaltung formell gleichgestellt.

Damit endete die politische Vormacht der katholischen Orte, die seit 1531 gegolten hatte — seit dem Zweiten Kappelerkrieg, in dem Zwingli gefallen war.

So erzählt man das

Der Religionsfrieden der alten Schweiz wurde 1712 in Aarau geschlossen. Er beendete eine katholische Vormacht, die 181 Jahre gehalten hatte. Und weil die Innerschweizer den ersten Vertrag ablehnten, musste er zweimal unterzeichnet werden.

Abschnitt 6

Aarauer Optik auf dem Mond

Die Bilder von Apollo 11 entstanden unter anderem durch Linsen aus Aarau.

1830–1991

Kern & Co. AG

Kern & Co. baute in Aarau gut 160 Jahre lang Vermessungsinstrumente: Theodoliten, Nivelliergeräte, Optik. Ab 1937 arbeitete die Firma mit Heinrich Wild zusammen, dessen DK- und DKM-Theodoliten die Grundlage für alle weiteren Entwicklungen bis in die 1980er-Jahre bildeten. 1991 war Schluss.

1969

Objektive für Apollo

Die NASA bestellte bei Kern Objektive mit 10, 18 und 75 Millimetern Brennweite. Sie steckten in den Kameras, die auf mehreren Apollo-Missionen zum Mond flogen, darunter Apollo 10, 11 und 12. Kern-Theodoliten wurden beim Zusammenbau der Saturn-V-Raketen eingesetzt. Walter Zürcher erhielt für die Arbeit an den Mondobjektiven den Apollo Achievement Award der NASA.

So erzählt man das

Als Armstrong auf dem Mond stand, filmte ihn eine Kamera mit Linsen aus Aarau. Die NASA hat die Objektive für Apollo bei Kern & Co. an der Aare bestellt.

Abschnitt 7

Die Altstadt ist am Reissbrett entstanden

Kein gewachsenes Gassengewirr, sondern eine Planung aus dem 13. Jahrhundert.

Zwei Kreuzgassen, vier Stöcke

Die Altstadt geht auf eine einheitliche Planung der Kyburger zurück. Um die zwei sich kreuzenden Hauptgassen — Rathausgasse und Kirchgasse/Kronengasse — liegen vier Häuserblöcke. In Aarau heissen sie «Stöcke». Wer die Stadt von oben sieht, erkennt das Schema sofort.

Kolorierte Vogelschau von Aarau aus dem Jahr 1612: eine ovale Stadt mit rot gedeckten Häuserblöcken, umgeben von einem doppelten Mauerring, davor ein Graben, unten eine Holzbrücke über die Aare
Aarau 1612, gezeichnet von Hans Ulrich Fisch. Gut zu sehen: die Häuserblöcke, der doppelte Mauerring, der Graben und die Brücke über die Aare. Hans Ulrich Fisch, gemeinfrei, Wikimedia Commons
14. Jahrhundert

Die erste Stadtmauer steht noch — in den Häusern

Im 14. Jahrhundert wuchs die Stadt in zwei Etappen konzentrisch nach aussen. Dabei riss man die alte Stadtmauer nicht ab, sondern bezog sie in die neu errichteten Häuser ein. An ihrer Stelle entstand ein zweiter, äusserer Mauerring mit Türmen und Doppeltoren, verstärkt durch eine Bastion neben der Brücke.

Im Süden und Osten, wo der Felskopf in die Hochterrasse übergeht, lag ein breiter Graben. Er trennte die Stadt von der unbefestigten Vorstadt.

So erzählt man das

Aaraus erste Stadtmauer ist nie abgebrochen worden. Sie steckt in den Wänden der Altstadthäuser — man wohnt hier in der Befestigung.

16.–17. Jahrhundert

Was heute steht, ist die zweite Garnitur

Ein Grossteil der Bausubstanz stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Damals wurden fast alle Gebäude aus dem Mittelalter ersetzt oder aufgestockt. Die Häuser sind überwiegend spätgotisch, und aus dieser Bauwelle stammen auch die vorstehenden Giebel, die Aarau berühmt gemacht haben.

Silhouette der Aarauer Altstadt: links der hohe Steinturm des Schlössli aus grob behauenen Steinen, rechts der weisse Turm der Stadtkirche mit Uhr, dazwischen dicht gestaffelte Ziegeldächer
Die Altstadt von aussen. Links das Schlössli mit dem Megalithmauerwerk, rechts der Turm der Stadtkirche. Sandro Senn, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Abschnitt 8

Dächer, Türme und ein Bach

Aarau nennt sich Stadt der schönen Giebel, und das hat einen konkreten Grund.

Rund 70 bemalte Dachuntersichten

An den Altstadthäusern sind etwa 70 teils reich bemalte Dachuntersichten erhalten, im Volksmund «Dachhimmel». Die meisten Häuser stammen im Kern aus dem 16. Jahrhundert; die vorstehenden Giebel wurden in den Jahrhunderten danach bemalt. Es ist die grösste erhaltene Sammlung dieser Art in der Schweiz. 2014 erhielt Aarau den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes, unter anderem für die Verdichtung mit Rücksicht auf das historische Stadtbild.

Bemalte Unterseite eines vorstehenden Dachs in Aarau: grün-gelbes Rankenwerk auf Holzbrettern, in der Mitte drei Wappenschilde, darunter der schwarze Aarauer Adler mit rotem Schildhaupt
Eine bemalte Dachuntersicht in der Altstadt, mit dem Aarauer Wappen in der Mitte. Solche Malereien sieht man nur, wenn man nach oben schaut. Umbricht, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Oberer Turm, Turm Rore und Schlössli

Der Obere Turm aus dem 13. Jahrhundert ist 62 Meter hoch und war Teil der Stadtbefestigung. Das älteste erhaltene Gebäude der Stadt ist das Schlössli am Rand der Altstadt: ein gut erhaltener, 25 Meter hoher mittelalterlicher Wohnturm aus Kalkstein und grob behauenen Findlingen, sogenanntem Megalithmauerwerk. Heute ist das Stadtmuseum darin. Die Stadtkirche wurde 1471–1478 als spätgotische Basilika gebaut, und das Rathaus umschliesst den Turm Rore von 1517–1520.

Historische Schwarzweissaufnahme: Blick eine Gasse hinunter auf den Oberen Turm mit grossem Uhrzifferblatt und darunter einer bemalten Sonnenuhr, links ein Haus mit verzierter Fassade, auf der Strasse ein Handwagen
Der Obere Turm mit Uhr und Sonnenuhr, aufgenommen im frühen 20. Jahrhundert. R. Suter / Photoglob-Wehrli, gemeinfrei, Schweizerische Nationalbibliothek
Der Turm Rore in Aarau: ein hoher Bruchsteinbau mit Treppengiebel und kleinen Fenstern, umgeben von niedrigeren Ziegeldächern
Der Turm Rore von 1517–1520. Das Rathaus ist um ihn herum gebaut. Roland Zumbühl, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Der Stadtbach war die Lebensader der Stadt

Vom 13. bis Ende des 19. Jahrhunderts lieferte der Stadtbach Trinkwasser, Brauchwasser, Löschwasser und Wasserkraft für das Gewerbe. Er läuft heute offen durch die verkehrsberuhigte Altstadt und ist der Grund für das älteste Fest der Stadt.

Der offene Stadtbach läuft in einem schmalen Steinkanal mitten durch eine Aarauer Altstadtgasse, überquert von flachen Steinplatten, links und rechts Häuserzeilen mit Läden
Der Stadtbach läuft offen durch die Altstadtgasse. Paebi, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
So erzählt man das

Aarau heisst Stadt der schönen Giebel, weil an rund 70 Altstadthäusern die Unterseiten der vorstehenden Dächer bemalt sind. Man muss beim Bummeln nach oben schauen, sonst sieht man die Hauptsehenswürdigkeit nicht.

Abschnitt 9

Unter der Stadt: die Meyerschen Stollen

1,7 Kilometer Gänge, gegraben von einem Fabrikanten mit einem bemerkenswerten Lebenslauf.

1791–1810

Drei Bauetappen, drei Zwecke

Johann Rudolf Meyer Sohn (1768–1825), Sohn des Kanti-Geldgebers, liess unter Aarau ein Stollensystem anlegen. Die bekannten Teile sind 1,7 Kilometer lang. Gegraben haben Bergleute aus dem bernischen Eisenbergwerk im benachbarten Küttigen.

Ab 1791 ging es darum, versumpftes Gelände zu entwässern. Von 1794 bis 1797 kam die Wasserversorgung für die Seidenfärberei dazu, die Meyer in den beiden Kellergeschossen seiner Villa einrichtete, dem Meyerhaus. Um 1810 baute er ein Wasserrad von 9,5 Metern Durchmesser ein, das Appreturmaschinen und einen Blasebalg antrieb. Es war das grösste unterirdische Wasserrad seiner Zeit in Europa.

Blick in einen Meyerschen Stollen: ein aus dem Fels gehauener, gemauerter Gang mit rundem Gewölbe und einer schmalen Eisentür, an der linken Wand hängen rote Schutzhelme
Ein Stück der Anlage, heute mit Schutzhelmen und Führung zugänglich. Bobo11, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Der Erbauer: Alpinist und Falschmünzer

Meyer war Seidenbandfabrikant, Naturforscher, Revolutionär und Alpinist. 1811 bestieg er mit seinem Bruder Hieronymus und den Gämsjägern Joseph Bortis und Alois Volken aus dem Fieschertal die Jungfrau. Es war die erste Besteigung eines Viertausenders in der Schweiz.

Neun Jahre später wurde er in Karlsruhe verhaftet, weil er falsche badische Münzen in Umlauf gebracht hatte. In seiner Wohnung fanden sich Prägevorrichtungen und Stempel für die Münzen mehrerer deutscher Staaten. 1822 verurteilte ihn das Hofgericht Rastatt zu drei Jahren Zuchthaus, die er in Mannheim verbüsste. Dort starb er vermutlich auch.

So erzählt man das

Unter Aarau liegen 1,7 Kilometer Stollen. Gegraben hat sie ein Seidenfabrikant, der als Erster die Jungfrau bestieg und später wegen Falschmünzerei im Zuchthaus sass.

Wo man hineinkommt

Die 1999 gegründete IG Meyersche Stollen betreut die Anlage und führt hinein. Ohne Anmeldung geht es seit 2010 im dritten Untergeschoss des Bahnhofs: Der «Aufschluss Meyerstollen» zeigt ein kurzes, begehbares Stück mit Ausstellungstafeln.

Abschnitt 10

Die Kettenbrücke ohne Kette

Der Name hat drei Brücken überlebt.

1850

Eine Hängebrücke mit Triumphbögen

Am 29. Dezember 1850 wurde die Kettenbrücke über die Aare eröffnet, entworfen vom elsässischen Ingenieur Jean Gaspard Dollfuss. Die handgeschmiedeten Ketten liefen über monumentale Tortürme an beiden Ufern, die als Pylonen dienten. Die Türme waren römischen Triumphbögen nachempfunden und prägten die Nordseite der Stadt.

Historische Schwarzweissaufnahme der alten Aarauer Kettenbrücke: eine schmale Hängebrücke über die Aare, deren Ketten über einen wuchtigen Steinturm mit Rundbogendurchfahrt laufen, im Hintergrund bewaldete Hügel
Die alte Kettenbrücke mit einem der beiden Tortürme, aufgenommen von Leo Wehrli. Leo Wehrli, CC BY-SA 4.0, ETH-Bibliothek Zürich
1947–1951

Für Autos war sie nicht gebaut

Die Brücke hielt fast hundert Jahre, doch dem Motorfahrzeugverkehr war sie nicht gewachsen und wurde zunehmend zum Hindernis. Am 8. Dezember 1947 beschloss die Gemeindeversammlung den Abbruch und bewilligte 2,3 Millionen Franken für einen Neubau aus Beton an derselben Stelle. Von 1948 bis 1951 wurde ersetzt, am 6. November 1949 die neue Aarebrücke eröffnet.

Schwarzweisses Luftbild der Baustelle: neben der bestehenden Brücke steht ein hölzernes Lehrgerüst im Fluss, am linken Ufer der noch stehende steinerne Torturm, ringsum Wohnhäuser und Gärten
Luftbild der Bauarbeiten, links noch der alte Torturm. Werner Friedli, CC BY-SA 4.0, ETH-Bibliothek Zürich
Die heutige Aarebrücke in Aarau: eine flache Betonbogenbrücke mit mehreren Bögen über die breite Aare, im Hintergrund ein Hochhaus und Baukrane
Die heutige Brücke. Sie heisst weiterhin Kettenbrücke. Jag9889, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
So erzählt man das

An der Aarauer Kettenbrücke hängt seit 1949 keine Kette mehr. Der Name ist einfach geblieben — auch für die nächste Brücke, die 2022 eröffnet wurde.

Abschnitt 11

Drei Feste, drei gute Geschichten

Maienzug, Bachfischet, Rüeblimärt — jedes mit einem Ursprung, der überrascht.

Erster Freitag im Juli

Maienzug: begann mit dem Schneiden von Prügelruten

1587 erscheint in den Aarauer Ratsprotokollen erstmals ein «Kinderen Umbzug», entstanden ist er wohl einige Jahrzehnte früher. Beim verwandten Brauch «Rueten gan» zogen die Schüler mit Musikanten in den Wald, um Ruten zu schneiden. Ruten waren das Züchtigungsmittel für ungehorsame Schüler. In den 1660er-Jahren wurde das «Meyen hauen» verboten, danach ging der Bezug verloren, und die kirchliche Feier rückte in den Vordergrund.

Woher der Name «Maien» kommt, ist nicht restlos geklärt: Er kann sich auf den Monat Mai und den Bürgereid beziehen oder auf Maien im Sinn von Frühlingszweig. Heute ist der Maienzug ein Volksfest, das schon am Donnerstagabend beginnt; über 3000 Personen nehmen am Festmahl teil.

So erzählt man das

Das grösste Kinderfest von Aarau ist über 400 Jahre alt und begann damit, dass die Schüler mit Musik in den Wald zogen — um dort die Ruten zu schneiden, mit denen sie später verprügelt wurden.

September

Bachfischet: der Bach wurde vorher leergefischt

Jedes Jahr im September wurde der Stadtbach «gerumt», also von Sand und Ablagerungen gereinigt. Im Aarauer Ratsprotokoll vom 3. September 1526 ist die Bachreinigung erstmals schriftlich erwähnt. Vor dem Reinigen durfte der Bach ausgefischt werden, und daher stammt der Name Bachfischet. Die Jugend machte sich einen Spass daraus, das frische Wasser zu begleiten, wenn es wieder in den leeren Bach floss.

Belege für ein Fest nach der Bachrumete gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Seit 1923 hat die Heinerich-Wirri-Zunft die Schirmherrschaft. Heute ziehen Kinder mit Räbenlichtern dem Wasser entlang und rufen «Füürio, de Bach brönnt». Die Zunft bezeichnet den Bachfischet als den ältesten durchgehend gelebten Brauch der Schweiz.

Schwarzweissaufnahme von 1944: drei Buben in kurzen Hosen stehen barfuss im flachen Wasser des betonierten Stadtbachs und beugen sich über einen Kescher
Bachfischet 1944: Buben mit Keschern im abgelassenen Stadtbach. Der Name des Fests kommt genau von diesem Ausfischen. Björn Eric Lindroos, CC BY-SA 4.0, Staatsarchiv Aargau
So erzählt man das

Der Bachfischet ist eine Putzaktion, aus der ein Fest wurde: Bevor der Stadtbach gereinigt wurde, durfte man ihn leerfischen. Heute laufen die Kinder mit Lichtern neben dem frischen Wasser her und rufen, der Bach brenne.

Erster Mittwoch im November

Rüeblimärt: eine Kopie aus Bern, die eingeschlagen hat

Die Idee stammt von 1981 aus dem Kreis «ZentrumAarau» und war beim Berner Zibelemärit abgeschaut. Der erste Rüeblimärt fand am 4. November 1982 statt und läuft seither jeden ersten Mittwoch im November in der Altstadt. Rund 30 000 Besucher kommen. Der Aargau ist Rüebliland, und das Küttiger Rüebli, eine weisse Karotte, gehört zum kulinarischen Erbe der Schweiz.

So erzählt man das

Der Rüeblimärt sieht nach alter Tradition aus, ist aber von 1982 und beim Berner Zwiebelmarkt abgeschaut. Und das berühmteste Aargauer Rüebli, das Küttiger, ist nicht orange, sondern weiss.

Abschnitt 12

Zeitleiste

Zehn Daten, mit denen man die Stadtgeschichte in zwei Minuten erzählt.

Abschnitt 13

Kurz notiert

Kleinere Fakten, die sich gut einstreuen lassen.

Die Wohnsiedlung Telli in Aarau: lange, hohe Wohnblöcke mit gestaffelten Balkonreihen, davor Rasenflächen und Bäume
Die Telli. In dieser Siedlung wohnt rund ein Achtel der Stadtbevölkerung. Lutz Fischer-Lamprecht, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons